Nachdem inzwischen Glascockpits selbst in ultraleichten Fluggeräten heimisch geworden sind und man so mit „moving maps“ jederzeit über den aktuellen Standort und den zu fliegenden Kurs bestens unterrichtet ist, bleibt ein eventuell auch noch vorhandenes VOR-Empfangsgerät bei Sichtfliegern zunehmend ausgeschaltet. Damit verblasst auch das Wissen über den Umgang mit diesen Geräten. Andererseits fordert die JAR-FCL in der Ausbildung zum PPL(A) auch das Führen eines Flugzeugs „ausschließlich nach Instrumenten“ und nicht wenige altgediente Piloten werten ihren ICAO-Schein durch eine CVFR-Prüfung zur JAR-Lizenz auf. Unabhängig von den Ausbildungsrichtlinien ist es zudem selten von Schaden, wenn man die an Bord befindlichen Instrumente auch wirklich sachgerecht bedienen kann. Aus dem Umgang mit dem VOR wird jedoch häufig eine rechenintensive Wissenschaft gemacht, die ein Flugschüler erstens nur schwer kapiert, ihn zweitens oft nur mit Müh und Not durch die Prüfung bringt und die er drittens bald wieder vergessen hat. In bescheidenen Wetterlagen wird er dann dieses funknavigatorische Hilfsmittel nicht kompetent nutzen, sondern nur noch ziellos an den Knöpfen drehen können. Dabei ist die Nutzung des VOR relativ einfach und ohne irgendwelches Rechnen zu bewerkstelligen. Voraussetzung dafür ist allerdings ein herkömmliches Anzeigegerät mit einer richtigen Nadel und einer drehbaren Kompassrose. Das Anschneiden von Radialen mit einem solchen "analogen" VOR-Anzeigegerät ist ziemlich simpel. Simpel und einfach deshalb, weil überhaupt nicht gerechnet werden muss, die zu fliegenden Kurse brauchen lediglich abgelesen zu werden. Wer bei dieser Methode trotzdem zu rechnen beginnt, kann eigentlich nur noch Fehler machen. Wie das Verfahren funktioniert, soll nachfolgend zusammen mit einigen „live“ aufgenommenen Bildern verdeutlicht werden:

Anschneiden von VOR-Radialen

Das Anschneiden von Radialen ist mit einem "analogen" VOR-Anzeigegerät mehr als simpel. Simpel und einfach deshalb, weil überhaupt nicht gerechnet werden muss, die zu fliegenden Kurse brauchen lediglich abgelesen zu werden. Wer bei dieser Methode trotzdem zu rechnen beginnt, kann eigentlich nur noch Fehler machen...

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Wir fliegen momentan auf dem Radial 030 in 4000 ft outbound: Auf der Kursrose des VOR-Anzeigegerätes ist oben unter der Kursmarke der Radial 030 eingestellt, die Nadel befindet sich bei einer FROM-Anzeige (ziemlich) in der Mitte und auch der Kreiselkompass zeigt 030° an.

Nun soll auf dem kürzesten Weg auf den Radial 060 gedreht und dieser danach outbound (also von der Station weg) beflogen werden.

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Dazu muss nur mit dem Kurswähler (OBS) die Kompassrose des VOR-Anzeigegeräts mit dem gewünschten Radial - also 060 - unter die obere Kursmarke gedreht werden.

Da wir uns nicht auf dem Radial 060 befinden, wird die Nadel (CDI) ausschlagen, in unserem Fall nach rechts. Jetzt müssen wir nur auf "der rechten Seite" der Kompassrose des VOR-Anzeigegerätes den zu fliegenden Kurs ablesen, in unserem Beispiel sind das 150°

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Ein Blick auf die Kompassrose des Kreiselkompasses zeigt, dass wir mit einer Rechtskurve auf 150° drehen sollten. Im nebenstehenden Bild ist diese Rechtsdrehung bereits eingeleitet, dies ist am Horizont und am Kreisel deutlich zu erkennen. Der CDI ist nach wie vor nach rechts ausgeschlagen - wir sind ja noch nicht auf dem Radial.

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Inzwischen haben wir das Heading 150° erreicht und fliegen dieses weiter, um auf den gewünschten Radial 060 zu kommen.

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Nun sind wir dem Radial 060 nahe gekommen, die Kursablageanzeige wandert bereits zur Mitte. Es ist Zeit, jetzt auf den gewünschten Kurs zu drehen.

Dieser braucht nur an der oberen Kursmarke des VOR-Anzeigegeräts abgelesen zu werden.

Im nebenstehenden Bild ist diese Linksdrehung auf 060° bereits eingeleitet.

rad 30 60 out 06 Der Radial 060 ist erreicht und wir fliegen mit einem Heading von 060° auf ihm von der Station weg.

Das Ganze funktioniert natürlich auch, wenn ein Radial "inbound" geflogen werden soll:

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Ausgehend von unserem zuvor erreichten Radial 060 soll als nächstes der Radial 090 inbound beflogen werden. Wieder drehen wir den gewünschten Radial mit dem OBS unter die Kursmarke des VOR-Anzeigegerätes, nun aber unter die untere Gegenkursmarke.

Die Nadel schlägt jetzt nach links aus, dort lesen wir einen Anschneidekurs von 180° ab.

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Wir fliegen also mit einem Heading von 180°, um auf den Radial 090 zu kommen.

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Wir nähern uns dem Radial 090 und die Nadel wandert nach innen.

Demnächst müssen wir mit dem Drehen auf "den Radial" beginnen. Wieder können wir den zu fliegenden Kurs unter der oberen Kursmarke am Anzeigegerät ablesen. Da wir den Radial 090 ja "inbound" fliegen sollen, müssen wir auf Westkurs drehen.

 

Fassen wir die Schritte nochmals zusammen:

  1. Der anzuschneidende Radial wird mit dem OBS unter die Kursmarke des VOR-Anzeigegerätes gebracht.
  2. Soll der anzuschneidende Radial später "outbound" beflogen werden, dreht man diesen Radial "oben" ein. Soll er später "inbound" beflogen werden, dann "unten". Dies ist der einzige Punkt bei der ganzen Prozedur, bei der ein klein wenig "nachgedacht" werden sollte. Beim Einlaufen der Nadel braucht man dann nämlich nur unter der oberen Kursmarke den nun zu fliegenden Kurs ablesen. (Tatsächlich "liefert" das VOR-Anzeigegerät immer den richtigen Anschneidekurs, egal ob der später zu befliegende Radial "oben" oder "unten" eingestellt wird. Man muss aber dann beim Eindrehen auf den Radial aufpassen...)
  3. Nach dem Eindrehen des gewünschten Radials unter die Kursmarke wird die Nadel ausschlagen. Je nachdem, ob sie nach rechts oder nach links ausschlägt, liest man den auf der Kompassrose des VOR-Anzeigegeräts rechts oder links außen stehenden Kurs ab und fliegt diesen als Anschneidekurs.
  4. Wandert die Nadel nach innen, dreht man auf den am VOR-Anzeigegerät oben eingestellten Kurs und befindet sich wie gewünscht "inbound" oder "outbound" auf dem zu befliegenden Radial. Insgesamt also eine narrensichere Methode, bei der überhaupt nichts gerechnet werden muss.

Es ist erstaunlich, dass diese Methode so wenig bekannt ist - zumindest kennt sie kaum ein Prüfungsaspirant und so mancher rechnet sich beim Prüfungsflug ins "Abseits"... Natürlich ist es auch bei Anwendung dieser Methode hilfreich zu wissen, wo (in Bezug auf die VOR-Station) man sich etwa befindet. Man kann dann eventuelle Schwierigkeiten vermeiden, die entstehen können, wenn man sich „auf der falschen Seite“ der Bodenstation befindet: 
Angenommen, wir fliegen irgendwo süd-östlich eines VORs und sollen Radial 270 outbound befliegen. Nach der gezeigten Methode werden wir 270° „oben“ eindrehen, die Nadel schwenkt nach rechts, dort lesen wir "Nordkurs" ab. Wir fliegen Nordkurs, bis wir auf "dem Radial" sind, sich die Nadel in der Mitte befindet. Dann kurven wir auf Westkurs - und fliegen zunächst auf dem Radial 090 inbound. Wenn wir die Station überflogen haben, sind wir auf 270 outbound. Die Methode führt uns auch in diesem Fall letztlich aufs gewünschte Radial.

Problematisch wird’s, wenn wir (bei gleicher Ausgangsposition im Südosten des VOR) den Radial 270 inbound fliegen sollen: Wir drehen 270° nun „unten“ ein, die Nadel wandert nach links und zeigt Nordkurs an. Den steuern wir, bis die Nadel in die Mitte kommt und drehen dann auf Ostkurs. Jetzt sind wir allerdings auf 090 outbound, was an der FROM-Anzeige deutlich wird. In diesem Fall wird es tatsächlich recht lange dauern, bis wir „270 inbound“ erreichen… 

Wenn man unter "Radial" auch den unter 180° komplementären Radial akzeptiert, dann führt das gezeigte Verfahren immer drauf. Soll es allerdings exakter sein, dann braucht man eine weitere "Merkregel": Wenn mit der genannten Methode ein Radial angeschnitten und danach outbound, also „FROM“ beflogen werden soll, dann muss nach dem Eindrehen des gewünschten Radials "oben" auf der Kursrose auch die FROM-Anzeige erscheinen. Möchte man einen vorgewählten Radial nach dem Anschneiden inbound, also „TO“ befliegen, dann muss nach dem Eindrehen auch die TO-Flagge erscheinen.

Während der CVFR-Ausbildung wird man auch diese Fälle demonstrieren, während der Prüfung aber nicht fordern. Und solange ein Controller in der Realität führt, wird der auch nur "sinnvolle Dinge" verlangen und dann funktioniert das Verfahren ja problemlos. In prekären Wettersituationen funktioniert das Verfahren, solange man auch den „Kompelementärradial“ akzeptieren kann. Hier ist es aber ohnehin sinnvoll, sich zunächst ein ungefähres Bild seines Standorts zu machen, bevor blind darauf losgekurvt wird. Insgesamt also ein Verfahren, das sehr einfach und schnell in der Anwendung ist. Was in der Realität jedenfalls nicht passieren sollte - in Prüfungen aber immer wieder zu beobachten ist: Man nennt einem Aspiranten einen neuen Radial und dieser fliegt erst mal weitere 5 Minuten weiter gerade aus und rechnet und rechnet und rechnet…

Natürlich funktioniert das Verfahren auch für andere Anschneidewinkel: Möchte man beispielsweise mit 45° anschneiden, dann liest man den Anschneidekurs eben nicht rechts oder links "außen" auf der Kompassrose ab, sondern rechts bzw. links auf der ersten Winkelhalbierenden. Viele Anzeigegeräte haben (im Gegensatz zu dem auf den obigen Bildern verwendeten) auch noch bei 45° (und 30°) Marken angebracht. Damit fällt das Ablesen dieser Anschneidekurse natürlich viel leichter. Andererseits ist es letzlich auch egal, ob dann mit 45° oder mit 43° oder mit 48° angeschnitten wird. Schätzen reicht allemal aus, man muss sich nur zu helfen wissen... Wer das Gezeigte mal "am Boden" durchspielen will, kann dies mit dem Funknavigations-Simulator von Tim Carlson tun.

 

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